Riskant. Arbeitslosenprojekte digitalisieren Fotos aus Museen.

In den vergangenen Jahren haben diverse Träger zahlreiche Projekte zur Beschäftigung von Arbeitslosen durchgeführt, die Museen und Archive beim Digitalisieren von ihren Beständen unterstützt haben. In den späten 1990’er Jahren waren diese Beschäftigungsmaßnahmen wichtige Impulse zur Sensibilisierung der Museumsleiter für Digitalisierungsvorhaben. Es gab viele Vorbehalte, die nicht zuletzt darauf beruhten, dass das Personal in vielen Archiven weder qualifiziert noch motiviert war, aber auch nicht über die technische Ausstattung verfügte, um sich an die Aufgabe zu machen. Das kostenlose Angebot  der mit öffentlichen Mitteln finanzierten Projekte konnten die Museen nicht ignorieren und ausschlagen. So wurden viele fotografische Vorlagen gescannt. Die Technik war zunächst teuer. Scanner, schnelle Computer, geeignete Software und vor allem Speicher waren bis  Mitte des ersten Jahrzehnts  dieses Jahrhunderts in dem Milieu kaum in ausreichender Menge zu finanzieren. Von den gegenwärtigen Möglichkeiten konnten man um 2000 nur träumen. In den Anfangsjahren gab es erbitterte Diskussionen über die Datenorganisation und Dateiformate. Inzwischen wird als Urdatei die 48-Bit RGB Tif-Datei erwartet und ein davon abgeleitetes JPG als Archivdatei. Lange Zeit wurden selbstgebastelte Datenbanken am Leben erhalten. Es dauerte mehrere Jahre bis die in den Museen üblichen Erfassungsprogramme mit den in die einzelnen Bilder nach dem IPTC-Standard eingebetteten Texte wie Bildbeschreibung, Urheber, Quelle, etc.  kompatibel waren.

Die Technik ist mittlerweile keine Hürde mehr, wenn es um das Digitalisieren von fotografischen Vorlagen geht. Die Leistungsfähigkeit ist enorm gestiegen während die Preise ebenso stark gesunken sind. Zudem reichen Unternehmen wie Banken oder Versicherungen und andere ihre ausgemusterten Computer, die zum Scannen allemale brauchbar sind, kostenlos an gemeinnützige Beschäftigungsträger weiter. Dadurch entfallen die lästigen Entsorgungskosten und eine monetär bewertbare Spendenquittung ist ebenfalls drin.

Problematisch ist jedoch das Personal. Ein Träger beschäftigt in einer solchen Maßnahme 10 bis 25 Mitarbeiter. Von den knapp bemessenen Bezügen, die der Träger vom JobCenter bekommt, müssen das Regiepersonal, Software, Technik, Mieten, Sachkosten, anteilig die Buchhaltung und Geschäftsführung, Umzüge, Einrichtung von Räumen, Reinigungspersonal und mehr bezahlt werden. Die Träger bekommen für ein Projekt keine pauschale Summe sondern ‚Kopfgeld‘ nach der Anzahl der real Beschäftigen. Sind Stellen unbesetzt, werden die  Zuwendungen gekürzt. In der Praxis ist es nahezu unmöglich, alle Stellen dauerhaft zu besetzen. Man kalkuliert sicherheitshalber mit 85prozentiger Besetzung, um keine bösen Überraschungen zu erleben. Die Träger sind stets darauf bedacht, möglichst viele der Stellen zu besetzen und nehmen jede/n vom JobCenter Zugewiesene/n, falls keine gravierenden Gründe dagegen sprechen. Die eigenen Kosten (Miete, Stammpersonal, Dozenten …) , die sich nicht flexibel dem Besetzungsstand in den Projekten anpassen, zwingen zur forcierten Einstellung von möglichst vielen Leuten, auch wenn die sich vorstellenden Personen persönlich oder fachlich nicht wirklich geeignet erscheinen, um die Aufgaben durchzuführen. Die geringe Bezahlung sowie die kurzfristige Anstellung, üblicherweise zwischen 6 Monaten bis zu einem Jahr, lassen bei den temporär Beschäftigten keine Bindung zu den Museen aufkommen und das dort beschäftigte Stammpersonal nimmt die Projektteilnehmer nach dem Motto ‚kommt und geht‘ kaum wahr.

Im Projektalltag gehört das Nichtbeachten von Vorgaben zu den typischen (Anfänger-)Verhaltensweisen. Trotz wiederholten mündlichen Belehrungen, praktischen Übungen, Nachschlagewerken und einfachen schriftlichen Arbeitsprotokollen mit genauen Angaben werden beispielsweise viele Vorlagen hartnäckig mit einer falschen Auflösung und anderen abweichenden Parametern gescannt. Es gibt Mitarbeiter, die selbst mehrere Monate nach Arbeitsbeginn die Existenz der Vorgabenpapiere nicht zur Kenntnis nehmen und niemals ein Protokoll lesen.

Es gibt Bildfehler, die auf Hardwareprobleme zurückzuführen sind. So entstehen umfangreiche Scanserien, mit einem bunten Streifen quer durch jedes Bild, weil ein Staubfaden auf der Scanzeile liegt oder oder unscharfe Scans, weil sich unter dem Glas eines Flachbettscanners ein Belag bildet.

Am seltsamsten muten spiegelverkehrte Bilder, wenn Buchstaben und Ziffern auf Plakaten, Hausnummern oder Nummernschildern sichtbar sind. Die betreffenden Scankräkte merken das nicht. Scannt jemand diverse Filmstreifen oder einzelne Dias, die abwechselnd richtig und falsch ausgerichtet gescannt werden, sind die Aufnahmen, auf denen keine Schriften erkennbar sind, wertlos, weil man nicht erkennen kann, welche spiegelverkehrt sind.  Es kommt vor, dass Scankräfte nicht merken, wenn ihre Bilder negativ sind. In dem Fall werden dunkle Partien hell und helle Bildpartien dunkel dargestellt. Für den Projektverantwortlichen, der seitens des Trägers häufig nur zwei bis drei Stunden pro Woche Zeit bekommt, die fachlichen Belange eines Projekts zu berücksichtigen und Ergebnisse zu kontrollieren, sind Mitarbeiter, die klar erkennbare Fehler nicht wahrnehmen, unbrauchbar, um an ‚echten‘ Aufträgen zu arbeiten. So werden Tätigkeiten für einen großen Teil eines Projekts ‚konstruiert‘, um die Leute zu beschäftigen, während einige wenige Mitabeiter, denen die Arbeit liegt, richtige Aufträge aus den Museen bearbeiten.

Das Retuschieren der digitalen Bilder erlaubt oftmals die wirksame Beseitigung von Mängeln, die auf Kratzer, Staub und andere Störungen zurückzuführen sind. Diverse Programme bieten Werkzeuge wie den Stempel (oder Klonpinsel) und den Reparaturpinsel an. Wer sie richtig anzuwenden versteht, kann damit wirksam digital restaurieren. Fatalerweise ignorieren viele Anfänger Schäden, die sie mit solchen Mitteln anrichten. So wird ein kleiner Staubfussel über einer strukturierten Hausfassade mit einem dicken diffusen grauen Klecks überstempelt. Fehlen Grundkenntnisse der PC-Arbeit, gelingt es ihnen nicht, die letzten Schritte rückgängig zu machen oder ein Speichern der letzten Änderungen vor dem Schließen der Datei zu vermeiden.

Beim Scannen von größeren Filmen, die auf die Glasscheibe eines Flachbettscanners gelegt werden, können Newtonringe entstehen. Sie werden nicht erkannt.

Eine mangelnde Eignung kann den Zugewiesenen nicht vorgeworfen werden. Scannen, beschriften, benennen, digital bearbeiten etc. gehören nicht zu den haushaltsüblichen Beschäftigungen. Die Fähigkeiten zum korrekten Umgang und zum Unterscheiden von Fotomaterialien, ihre exakte Kategorisierung in Farbdias, Schwarzweißfilme, Filmformate usw. sind nicht vorauszusetzen. Daher ist eine fachliche Anleitung wichtig. Insbesondere die Vermittlung von Basiskenntnissen ist absolut notwendig, wenngleich das Interesse und die Fähigkeiten, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, weit gespreizt sind.

Im Handwerklichen sind gutes Fingerspitzengefühl, fachliches Interesse, Erfahrungen und mehr ausschlaggebend für das Gelingen oder Nichtgelingen eines Vorhabens. Diese Faktoren haben in der Bildbearbeitung ebenfalls eine hohe Bedeutung. In Beschäftigungsprojekten für Arbeitslose, die ohne Berücksichtigung ihrer Vorkenntnisse durcheinandergemixt zusammenkommen, sind diese Voraussetzungen nur bei einem kleinen Anteil der Mitarbeiter zu erwarten.

Dies muss bei der Durchführung von Projekten mit dem genannten Aufgabengebiet von allen Beteiligten berücksichtigt werden. So ist es wichtig, dass die Museen, die in den Genuss der kostenlosen Leistungen kommen, eine Person im Haus haben, die laufend kontrolliert, was das unterstützende Projekt abliefert und zeitnah Feedbacks gibt. Leider ist das selten der Fall. Es kommt kaum vor, dass Museumsmitarbeiter in die Arbeitsräume der Projektmitarbeiter gehen. Seitens der JobCenter muss akzeptiert werden, dass unzuverlässige und weniger geeignete Personen mit Aufgaben beschäftigt werden, die einerseits zur Stellenbeschreibung passen, aber eher den Charakter von Übungsaufgaben haben, weil man den betreffenden Mitarbeitern keine wertvollen Archivgüter anvertrauen kann oder mit Ergebnissen rechnen muss, die absolut unbrauchbar sind.

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