Negative verloren – lohnt sich die Aufbewahrung der Fotoalben?

Fotoalben von Fritz Vogel
Fotoalben von Fritz Vogel

Als Rentner unternahm Fritz Vogel zahlreiche Streifzüge durch Berlin und fotografierte Sehenswürdigkeiten sowie städtebauliche Veränderungen. Viele seiner Aufnahmen stammen aus den 1990er‑Jahren. Besonders intensiv dokumentierte er den Wandel am Potsdamer Platz, der nach dem Ende der DDR und dem Abriss der Berliner Mauer aus einer brachliegenden Grünfläche wieder zu einem urbanen Zentrum wurde. Für einige seiner Bilder nutzte er sogar einen Fesselballon, der Besucher in die Höhe brachte und neue Perspektiven eröffnete.

Auch kleinere, weniger bekannte Motive fanden sein Interesse. So verfolgte er den Lauf der Panke, eines kleinen Flüsschens, das aus Brandenburg nach Berlin fließt und im Nordhafen in Berlin Moabit mündet. 1993 fotografierte er zudem die Stadtschloss-Attrappe in Berlin‑Mitte, die damals die Debatte um den Wiederaufbau des Schlosses begleitete. Ebenso nahm er ein ehemaliges Stasi‑Gefängnis auf. Mitte der 1990er Jahre waren die Spuren der Teilung Berlins, die unterschiedlichen politischen und kulturellen Einflüsse sowie die Folgen der Kriegszerstörungen noch sichtbar, die teilweise in Fritz Vogels Fotos wiederzufinden sind.

Er war kein professioneller Fotograf, der Architektur oder Landschaften gekonnt inszenierte. Dennoch besitzen einige seiner Bilder dokumentarischen Wert. Hinzu kommt, dass er akribisch Notizen führte, sodass Aufnahmeorte und -daten nachvollziehbar sind.

Insgesamt umfasste sein Nachlass 23 Fotoalben, einige davon schwer und umfangreich. Damit jüngere Menschen, die nur die digitale Fotografie kennen, sich eine Vorstellung machen können: ein dickes Fotoalbum mit wenigen 100 Bildern wog rund 2,5 kg. Anders als ein kleines modernes Speichermedium für mehrere 1000 Bilddateien benötigen analoge Fotografien viel mehr Platz und sind auch relativ schwer.

Die Negative jedoch waren verschollen. Vermutlich handelte es sich um Farbnegative – andernfalls hätte er keine Alben angelegt, sondern Diamagazine gefüllt, die anders beschriftet worden wären. Das Fehlen der Negative ist ein großer Verlust: Die Abzüge wurden immer mit einem geringen Beschnitt an den Bildrändern erstellt. Motive, die sehr nah am Rand platziert sind – etwa Kirchturmspitzen – können dadurch angeschnitten sein. Nur die originalen Negative enthalten die vollständigen Bildinformationen; jede analoge Kopie ist verlustbehaftet.

In den Alben befinden sich überwiegend Abzüge im Format 9×13 oder 10×15 cm. Zwar lassen sich diese digitalisieren und mit Bildbearbeitung bis etwa DIN A4 ansprechend vergrößern, doch für feine Details reicht die Qualität nicht aus. Einige Fotos zeigen auch Fritz Vogel selbst, aufgenommen mit seiner Kleinbild‑Spiegelreflexkamera. Die Farbfilme jener Zeit waren bereits so gut, dass gute Vergrößerungen bis 30×40 cm von den Negativen möglich gewesen wären, die leider jedoch verschollen waren.

Alte Fotos zu retten ist wichtig, um sie als Zeitdokumente zu bewahren. Seit vielen Jahren motiviert mich dieser Gedanke, fotografische Nachlässe zu übernehmen und zu erschließen. Die Bilder werden gesichtet, sortiert, teilweise ausgesondert, anschließend gescannt und digital beschriftet. Viele Ergebnisse sind auf meiner Website medienarchiv.com  (Fotoarchiv Gade) zu sehen.

Bei den Fotoalben von Fritz Vogel zeigte sich jedoch, dass ohne Negative nur ein kleiner Teil der Abzüge die nötige Qualität für eine dauerhafte Archivierung bot. Es handelt sich nicht um einzigartige Aufnahmen seltener Ereignisse, sondern um Motive, die viele Menschen damals ebenfalls fotografiert haben und die nach und nach auch digital verfügbar werden. Da die Erschließung alter Fotos viel Zeit erfordert, ist eine Auswahl unvermeidlich.

Vergleich: 9x13 cm Print versus Din A4 Print vom Scan nach Entzerren der stürzenden Linien.
Vergleich: 9×13 cm Print versus Din A4 Print vom Scan nach Entzerren der stürzenden Linien.

Ohne Negative ließ sich zudem nicht prüfen, ob möglicherweise vollständige Bildinhalte vorhanden gewesen wären, die beim Abzug beschnitten wurden.

Ein ausführlicher Bericht über die Alben von Fritz Vogel mit zahlreichen Beispielbildern der Erschließung findet sich auf medienarchiv.com.

Wichtig ist: Negative niemals entsorgen! Falls Erben selber kein Interesse an den Fotos ihrer Eltern haben, überlasst das Sichten, Aussortieren und Bewahren lieber Fotoarchiven oder engagierten Sammlern mit entsprechender Erfahrung.

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